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Janine Bourry

 Geboren 1992
 Ileostoma seit 2009

 


„Ich kann mir sehr gut vorstellen, irgendwann ein zweites Kind zu bekommen.“
Die Nachricht, sein Leben fortan mit einem Stoma weiterführen zu müssen, ist für die
meisten Menschen nur schwer zu verarbeiten. Mit 17 Jahren aber ist eine solche Vorstellung
noch viel beängstigender als im gestandenen Alter. Im Leben eines Teenagers ist reichlich
Platz für Partys, die erste große Liebe und intensive Freundschaften, aber nur wenig Raum
für Gebrechlichkeit. Janine Bourry reißt die Krankheit daher aus den kühnsten Träumen.
Schlag aus heiterem Himmel
Was noch relativ harmlos mit einer Blinddarmentzündung beginnt, entwickelt sich zu einem
ernsthaften gesundheitlichen Problem mit weitreichenden Konsequenzen. Normalerweise
ist eine Blinddarmentzündung keine Erkrankung, bei der man sich große Sorgen machen
muss. Doch Janine reagiert allergisch auf die Narkosemittel. Nacheinander versagen Dickund
Dünndarm und schließlich funktioniert auch die Blase nicht mehr. Zunächst erhält die
damals 17-jährige ein Colostoma, anschließend zusätzlich ein Ileostoma. Heute lebt sie mit
einem Ileostoma, das ihr Leben erleichtert.
Natürlich plagen die Teenagerin große Sorgen. Janine Bourrys Gedanken drehen sich im
Kreis: Wie soll ich mit einem Stoma weiterleben? Lohnt sich das überhaupt noch?
Ausgelassen sein, sich mit Freunden die Nächte um die Ohren zu schlagen und völlig
unbeschwert in den Tag hinein leben - all die schönen Dinge scheinen vorüber zu sein. Der
Freundeskreis teilt sich: Es gibt enge Freundinnen und Freunde, die ihr in schweren Stunden
Mut machen und zur Seite stehen, aber Janine muss auch die bittere Erfahrung machen,
dass Menschen, die ihr nahestehen, mit der veränderten Lebenssituation nicht klarkommen
und sich abwenden.
Auch ihre junge berufliche Karriere ist schnell vorüber. Die Lehre als Konditorin, die ihr so
viel Spaß bereitet, muss sie aufgrund der Erkrankung aufgeben. Janine Bourry wird schon als
Teenagerin verrentet. Doch da gibt es noch eine andere Sache, die ihr nahegeht, einen
Gedanken, der sie quält: Werde ich noch Kinder bekommen können oder ist auch dieser
Lebenswunsch unerreichbar? Soll der große Traum von der eigenen Familie schon
ausgeträumt sein? Mit einem künstlichen Darmausgang schwanger zu werden und Kinder zu
bekommen, da ist sich die Medizin einig, ist zwar möglich, aber zumindest risikoreich.
Träume werden wahr
Es ist ein großes Glück, dass sich alle diese Ängste nicht bewahrheitet haben. Janine Bourry
hat inzwischen alle Zweifel ausräumen können. Ihren großen Traum hat sie gemeinsam mit
ihrem Mann realisiert. Das Leben ist großartig: Ausgehen, Spaß mit Freunden und der
Besuch von Partys sind zwar nicht mehr ihr wichtigster Lebensinhalt, aber auf all das muss
sie nicht verzichten. Das viel größere Glück in ihrem Leben ist ihr kleiner Sohn Liam, den sie
vor einem Jahr gesund und ohne Komplikationen zur Welt gebracht hat.
„Die Ärzte haben mir vorher von einer Schwangerschaft abgeraten, weil das Risiko zu groß
sei“, erinnert sich Janine Bourry. Doch die junge Frau will sich diesen Herzenswunsch nicht
ausreden lassen und setzt sich über alle Bedenken hinweg. Die Schwangerschaft verläuft
problemlos. Heute ist sie einfach nur glücklich, ihren kleinen Sohn im Arm halten zu können.
Wenn die 23-jährige auf ihre Ängste zurückblickt und sich bewusst wird, was daraus
geworden ist, kann sie es in manchen Augenblicken immer noch kaum glauben. „Ich bin
glücklich verheiratet, habe einen kleinen Sohn und keine großen gesundheitlichen
Probleme“, sagt sie. „Damals dachte ich, die Welt bricht zusammen und heute kann ich mir
sogar vorstellen, irgendwann ein zweites Kind zu haben.“ Klettern und schwere Dinge heben,
das geht nicht. Aber diese Einschränkung ist auch schon fast alles, auf das sie verzichten
muss. Sie treibt viel Sport und kann sogar Schwimmen gehen. Janine Bourry fehlt es an
nichts.
Die ILCO – ein Rettungsanker in schwerer Zeit
Von diesem Glück gibt die junge Frau ein großes Stück gerne weiter. „Meine Schwester hatte
mich kurz nach meine Operation auf die ILCO hingewiesen“, erinnert sich Janine. „Ich habe
erst gedacht, eine Selbsthilfegruppe sei nichts für mich.“ Nur kurze Zeit später ändert sie ihre
Meinung, knüpft die ersten Kontakte und meint heute rückblickend: „Ohne die ILCO hätte
ich meine gesundheitliche Situation niemals so schnell angenommen.“
Längst sind die ILCO und die Mitarbeit in der Gruppe zu einem wichtigen Lebensinhalt
geworden. Janine Bourry hat unter den Betroffenen Menschen kennengelernt, die ihr
mittlerweile sehr nahe stehen und zu engen Freunden geworden sind. „Wer einen Tiefpunkt
hat, für den ist die ILCO der Rettungsanker“, gibt sie sich heute überzeugt. Und Janine Bourry
ist längst ein Teil dieser Hilfe geworden. Sie besucht Betroffene im Krankenhaus und zu
Hause. Der Schwerpunkt ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit für die ILCO ist die Hilfe für junge
Menschen, die erkrankt sind und ein Stoma erhalten haben.
„Meine Geschichte beweist, dass auch junge Menschen plötzlich auf ein Stoma angewiesen
sein können“, sagt sie. Für die Betroffenen ist sie da und bietet ihre Hilfe an. Sie versucht zu
vermitteln, dass ein Stoma kein Grund ist, sich zu schämen oder zu verstecken. Ihr
Lebensweg ist vor allem für junge Frauen, die zweifeln, ob ihre Sehnsucht nach einem
eigenen Kind jemals erfüllt wird, ein positives Vorbild. Ihr Beispiel macht Mut und beweist,
dass beides möglich ist: mit einem Stoma zu leben und eine Familie zu gründen.
(aufgezeichnet im August 2015)

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